Inhaltsverzeichnis
Selbstführung als Führungskompetenz. Was Psychologie über wirksame Führung unter Druck verrät
Führung zeigt sich selten dann am deutlichsten, wenn alles nach Plan läuft. Interessant wird sie in den Momenten, in denen Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden müssen, Konflikte entstehen oder Erwartungen aufeinanderprallen. Gerade dann greifen Menschen auf vertraute Denk- und Verhaltensmuster zurück.
Eine Führungskraft kann viel über Kommunikation, Delegation oder Konfliktmanagement wissen und dennoch in einer angespannten Situation anders handeln, als sie es sich vorgenommen hat. Vielleicht übernimmt sie plötzlich wieder selbst, was sie eigentlich delegieren wollte. Sie vermeidet ein notwendiges Gespräch oder reagiert schärfer, als es der Situation angemessen wäre.
Genau hier beginnt Selbstführung.
Selbstführung ist mehr als Selbstmanagement
Selbstführung wird häufig mit Zeitmanagement, Disziplin oder guter Arbeitsorganisation gleichgesetzt. Aus psychologischer Sicht greift das zu kurz. Selbstführung bedeutet zunächst, die eigenen inneren Prozesse wahrnehmen und regulieren zu können.
Was geschieht mit mir unter Druck? Welche Situationen lösen Unsicherheit aus? Wann beginne ich stärker zu kontrollieren? Welche Erwartungen bestimmen meine Entscheidungen?
Solche Fragen sind für Führung relevant, weil Führungskräfte ihre Persönlichkeit nicht an der Bürotür abgeben. Erfahrungen, Bedürfnisse, Emotionen und erlernte Verhaltensmuster fließen in ihr Führungsverhalten ein.
Auch die Forschung zu Self-Leadership verweist auf die Bedeutung von Selbstwahrnehmung, Selbstregulation und Selbstwirksamkeit. Eine systematische Übersichtsarbeit zu Self-Leadership-Interventionen bei Führungskräften fand positive Effekte unter anderem auf Selbstwirksamkeit, Selbstwahrnehmung und Zielerreichung.
Wer andere führt, wirkt immer auch emotional
Besonders sichtbar wird Selbstführung im Umgang mit Emotionen. Führung findet schließlich in Beziehungen statt. Ärger, Unsicherheit, Enttäuschung oder Anspannung verschwinden nicht dadurch, dass jemand eine Führungsposition übernimmt.
Entscheidend ist vielmehr, wie eine Führungskraft damit umgeht.
Forschung zur Emotionsregulation im Führungskontext zeigt, dass unterschiedliche Regulationsstrategien auch mit Unterschieden in der Führungsleistung zusammenhängen können.
Psychologisch interessant ist deshalb weniger die Vorstellung einer Führungskraft, die ihre Emotionen jederzeit „im Griff“ hat. Wirksamer erscheint die Fähigkeit, eigene Reaktionen früh wahrzunehmen, einzuordnen und bewusst zu entscheiden, welches Verhalten der jeweiligen Situation dient.
Selbstführung verändert das Team
Was zunächst sehr persönlich klingt, hat eine organisationale Wirkung.
Eine Führungskraft, die unter Unsicherheit stärker kontrolliert, verändert damit die Entscheidungsspielräume ihres Teams. Wer Konflikten ausweicht, beeinflusst die Kommunikationskultur. Wer eigene Anspannung regulieren und auch unter Druck Orientierung geben kann, schafft wiederum andere Bedingungen für Zusammenarbeit.
Genau deshalb geht psychologisch fundiertes Führungskräftecoaching für mich über das Erlernen einzelner Methoden hinaus. Es schafft einen Raum, in dem Führungskräfte ihre eigenen Muster verstehen, deren Wirkung reflektieren und neue Handlungsmöglichkeiten entwickeln können.
Damit verbindet sich individuelle Entwicklung unmittelbar mit Führungskräfteentwicklung.
Gute Führung braucht innere Beweglichkeit
Selbstführung bedeutet dabei keineswegs, jede Reaktion permanent zu analysieren. Ihr Wert liegt vielmehr in der inneren Beweglichkeit. Zwischen Impuls und Handlung entsteht ein größerer Spielraum.
Eine Führungskraft kann wahrnehmen, dass sie gerade Kontrolle übernehmen möchte, und sich dennoch für Delegation entscheiden. Sie kann Unsicherheit erleben und trotzdem Orientierung vermitteln. Sie kann sich über einen Konflikt ärgern und dennoch ein konstruktives Gespräch führen.
Genau diese Fähigkeit wird in einer Arbeitswelt, die von Veränderung und Komplexität geprägt ist, immer bedeutsamer. Denn Führungskräfte können äußere Unsicherheit nur begrenzt reduzieren. Sie können jedoch lernen, wie sie sich selbst darin führen.
Und vielleicht beginnt wirksame Führung genau dort: bei der Fähigkeit, sich selbst so gut zu verstehen, dass auch unter Druck Wahlmöglichkeiten im eigenen Handeln erhalten bleiben.
Weitere Einblicke in meine psychologisch fundierte Führungskräfteentwicklung und Organisationsentwicklung finden Sie auf meiner Website.


